Berlin.

Mit meiner Postreihe „Als Autorin im Alltag“ möchte ich euch näherbringen, wie Autoren denken, fühlen und wie sie ihren Alltag bestreiten. Natürlich sind wir auch nur Menschen. Trotzdem möchte ich euch unsere Spezies nahbar machen. Denn irgendwie sind wir doch anders.


Liebes Berlin,

du und ich, das ist manchmal wie Feuer und Wasser. Nicht immer mag ich dich. Du bist zu groß, zu voll, zu laut, zu überwältigend, zu erschlagend mit all deinen historischen Bauten, Fakten und Möglichkeiten. Oft habe ich das Gefühl, in diesem wuseligen Ameisenhaufen unterzugehen. Nicht zu wissen, wo mein Platz ist. Immer ist irgendetwas los, man will nichts verpassen und gleichzeitig hat der Tag ohnehin schon zu wenige Stunden. Ich habe dir schon oft einen Korb gegeben, wollte weg und kehrte doch zurück.

Denn da sind die Momente, in denen du wie die Schokoladensoße auf dem Bananasplit bist. Eine perfekte Kombination von dem, was ist und dem, was man will. Sie sind selten. Diese kurzen Momente werden von dem achten Motzverkäufer verschluckt, der um Aufmerksamkeit und eine kleine Spende bittet. Wieder einmal verliert man sich in dem Ärger, dass die U-Bahnen nicht fahren und Berlin so verteufelt groß ist, dass man gut und gerne in derselben Zeit in eine andere Stadt fahren könnte, statt zur Arbeit oder Uni.

Aber du weißt, welche Momente ich meine, richtig?
Genau. Die, die ich so sehr vermisst habe, als ich in einer kleinen Stadt wohnte. Wo ich zum Unigebäude spucken konnte, weil die Distanz so unglaublich klein war. Als ich fünf Minuten zu allen Orten brauchte, die ich erreichen wollte. Jeden Tag war ich viel zu früh da, weil mein Zeitgefühl in einer anderen Umlaufbahn lief. Berlin-Zeit ist anders als alle anderen Zeitzonen. Die Uhren gehen schneller, die Zeit verstreicht um einiges anders. Das war ich so nie gewohnt. Die Folge war eine immerwährende Unruhe in mir, die ich erst wieder bändigen konnte, als ich zurückkam. In deine Hektik. Deinen auffressenden Alltag und …

… den U- und S-Bahnen.

Ich glaube, wir beide müssen bei dem Satz ein wenig grinsen. Ich hasse es. U-Bahn zu fahren, ist die Hölle. Immer funktioniert irgendetwas nicht (erst letztens, als ich anderthalb Stunden von der Arbeit nach Hause brauchte, weil die U-Bahn nicht fuhr, wie auf’m Dorf!), man hat praktisch jede Station einen neuen Bettler, der dir das Geld aus der Tasche ziehen will und Musikanten, die mal mehr, mal weniger talentiert sind.

Trotzdem ist es lustigerweise genau das, was mir in der kleinen Stadt fehlte und diese Unruhe auslöste.

Auch wenn es mir schwerfällt, das einzugestehen: Ich brauche das U-Bahn fahren. Oder wenigstens Bus. Oder irgendetwas anderes. Ein klarer Cut zwischen Gehen und Ankommen. Kein nur-über-die-Straße-gehen-und-dann-bin-ich-schon-da-Moment.

Ich habe mir immer gewünscht, so zu wohnen, dass ich nicht mehr überallhin mindestens eine halbe Stunde brauche. Aber ich brauche diese Zeit. Um von meinem Autorenhirn auf Arbeitshirn umzustellen. Ein Ausklang meiner Schreibsession und ein Einstieg in den Alltag samt Brotjob. Ich habe diese Zeit, die in meinen Augen immer so verschwendet erschien, total unterschätzt.

Ich entschuldige mich bei dir, Berlin. Dafür, dass du mir genau das bietest, was ich brauche, ohne es zu wissen: Eine Autoren-Meditation.

Die Stunden, die ich in deinen Zügen saß, haben mich über meine Geschichten nachdenken lassen. Begleitet von Gesprächen der Berliner, oder meinen Playlists zu den Romanen. Dank dir erhielt ich eine Idee für WTIS, eine Szene, die ich absolut nicht mehr missen möchte. Vor einigen Monaten habe ich ein riesiges Plothole in Die Weltenbewahrerin schließen können. Wochen zuvor gaben mir fünf Musiker eine Idee für einen völlig neuen Roman. Sollte er jemals realisiert werden, wirst du darin die Hauptrolle spielen.

Die Kombination aus Bewegung, ohne selbst aktiv zu sein, Musik zu hören und abzudriften, ist das, was ich brauche. Es ist das, was mir Ruhe gibt, weil ich das Gefühl habe, trotzdem etwas zu tun, nicht untätig herumzusitzen. Nur habe ich das vor so vielen Jahren nie so sehen können.

Wenn ich also mal wieder sage, wie sehr ich dich verabscheue, weißt du, dass ich es eigentlich nicht so meine. Trotzdem kann ich nicht versprechen, dir auf ewig die Treue zu halten. Aber vielleicht sind deine Kumpels in Down Under auch nicht so übel? Oder wo auch immer es mich hin verschlägt.

Ich werde dich trotzdem nicht vergessen. Immerhin bist du meine Heimat.

Alles Liebe,

sig
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Ein Gedanke zu “Berlin.

  1. Ein wirklich sehr sehr sehr SEHR schöner Post ♥
    Gerne mehr davon ^^.
    Aber…: „…weil die U-Bahn nicht fuhr, wie auf'm Dorf!“ Süße… Du hast nicht verstanden was ein Dorf ist xD. Da fahren überhaupt gar keine U-Bahnen! Da gibt's nur Trecker und Kühe!

    Liebe Grüße
    dein Landei

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